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Nun wie hab ich’s mit der Religion? Vielleicht hilft ja ein ganz kurzer Auszug aus Goethes Faust weiter, dem wir die Bezeichnung „Gretchenfrage“ verdanken:

Margarete: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.

Faust: Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut;
Für meine Lieben ließ‘ ich Leib und Blut,
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.

Margarete: Das ist nicht recht, man muß dran glauben.

Faust: Muß man?

Mir ist Faust in diesen Versen sehr nah. Auch wenn ich selbst die Frage nach Gott skeptisch stelle, will ich doch niemandem seinen festen Glauben nehmen. Ich schätze eine gute philosophische Diskussion, die hart in der Sache aber mit Feingefühl im Ton geführt wird. Religionen und Weltanschauungen vergleiche ich gerne mit verschiedenen Sprachen: Sie drücken metaphorisch die Gedanken, Gefühle und Hoffnungen der Menschen aus, sind aber nicht einfach eins zu eins in einander übersetzbar. Auch gibt es nicht in jeder Sprache jedes Wort. So kennt meine Sprache, der Humanismus, beispielsweise keinen wirklich genauen Begriff für Gott.

Auf den ersten Blick könnte so der Eindruck entstehen, Religionen und Weltanschauungen seien beliebig austauschbar. Das will ich aber mit diesem Vergleich nicht sagen. Ich meine sehr wohl, dass sich Religionen und Weltanschauungen der Vernunft gegenüber erklären müssen. Das Handwerkzeug dazu bieten die verschiedenen Wissenschaften. Hiermit sind wir dann wieder bei den drei kant’schen Fragen, die ich schon in Über mich genannt habe und ich will an dieser Stelle meine heutigen, sicher vorläufigen Antworten geben:

Was können wir wissen?
Mit letzter Sicherheit: Nichts –  aber die verschiedenen Wissenschaften liefern uns eine solide Grundlage uns in dieser Welt zurecht zu finden, ohne übernatürliche Kräfte oder Personen zu benötigen.

Was sollen wir tun?
Eine grundlegende Möglichkeit verantwortungsvoll zu handeln, besteht in der goldenen Regel, die es in den meisten Religionen und Weltanschauungen in verschiedenen Formulierungen gibt (z.B. als kategorischen Imperativ). Sie beruht auf der Einsicht, dass ich als leidensfähiges Wesen vermeiden will zu leiden und diesen Wunsch auch allen anderen leidensfähigen Wesen unterstelle. Diese grundlegende Orientierung bedarf natürlich zu ihrer Konkretisierung eines möglich herrschaftsfreien ethischen Diskurs‘, der einen Interessenausgleich herbeiführt. Demokratische Strukturen scheinen mir hierbei die aktuell tragfähigsten zu sein. Deren Weiterentwicklung bleibt aber eine dauernde Aufgabe.

Was dürfen wir hoffen?
Ohne Anspruch auf Verbindlichkeit: Alles – aber ohne daraus ein Sollen, also moralische Handlungsvorgaben, ableiten zu können. Alles andere führt zum Fundamentalismus und sollte bekämpft werden.

Um auf die abschließende Frage Fausts nach dem Glauben zu kommen Muß man, kann ich also nur antworten: Nein, muss man nicht.

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